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ERSTER AKT      (13.12.)

 

Ihre Spucke trifft mich durch die Gitterstäbe hindurch direkt ins Gesicht. Verachtung steht ihr ins Gesicht geschrieben; mit Abscheu wische ich mir die Flüssigkeit weg.
      „Geht's dir jetzt besser?“, rufe ich lauter als ich bräuchte. Wir stehen beide an den Gitterstäben, die Hände klammern sich dort mit aller Wut fest. Tief im Inneren meiner Selbst erzittere ich vor Angst, als Mordlust in ihren Augen aufflackert. Doch ich weiche nicht zurück, nicht vor ihr, nicht noch einmal.
      „Ja, Miststück“, flüstert sie durch die zusammengepressten Zähne. „Ich will doch nicht, dass du mich vergisst.“
      „Wie könnte ich?“, frage ich mit einem bitteren Ton in meiner Stimme. „Ich habe genug Narben von dir, um mich noch im nächsten Leben an dich erinnern zu können!“

      Wir blicken uns eine Weile lang stumm an. Das Begrüßungsritual ist nun vorbei; was folgen würde, kann ich heute nicht abschätzen. Denn diesmal sind die Gitterstäbe aus Stahl und der Schlüssel irgendwo in den Tiefen des Gebäudes. Und der Hass zwischen uns war nie so stark wie heute. Ich bedauere diesen Umstand sehr, vielleicht geht es ihr genauso. Wir waren früher unzertrennlich, waren uns immer einig und stritten nur selten. Doch die Welt hatte sich weiterbewegt und unschuldig waren wir beide nicht mehr.

„Warum bist du hergekommen?“
„Ich wollte sehen, ob sich etwas verändert hat.“
„Nun, wie du siehst, ist alles beim Alten. Bei dir aber auch, wie ich sehe.“

     Wir schweigen wieder. Unsere Entscheidungen, die wir beide mit vollem Herzen getroffen haben, stehen sich widersprüchlich und unvereinbar gegenüber wie eh und je. Selbst wenn wir es wollten, können wir uns nicht zusammenraufen. Nicht jetzt und nicht mit diesen starken Gefühlen.

„Es hätte alles anders laufen können, weißt du.“
„Ja, hätte es.“
„Und hättest du es auch gewollt?“
Lange Pause.
„Die Frage ist müßig.“
„Hättest du es auch gewollt?“
„Das ist doch...!“ Ein schweres Seufzen. „Ja, wer weiß, vielleicht doch! Aber weder du noch ich wissen, wie es gelaufen wäre, hätten wir uns anders entscheiden können. Es wäre doch alles nur auf das selbe hinausgelaufen.“

      Wir schließen beide niedergeschlagen die Augen; das Gespräch macht uns müde. Die Gitterstäbe fühlen sich gut an an meiner heißen Stirn; dabei komme ich ihr ganz nah. Einen kurzen Moment lang sind alle feindseligen Gefühle verschwunden, uns beiden ist in diesem Augenblick bewusst, wie sehr wir voneinander abhängig sind. Wie sehr wir einander lieben. Keine traut sich zu blinzeln, aus Angst, der Hass und die Verachtung kämen wieder mit gefletschten Zähnen zurück. Wer es dann von uns beiden schlussendlich tut, weiß ich nicht, doch nun ist der Moment vorbei. Und die Fronten weiterhin verhärtet.

„Schlampe“, flüstere ich, und seufze, als das alte Spiel wieder beginnt.

 

ZWEITER AKT     (14.12.)

 

     Heute haben uns die Tränen zusammen gerufen. Wir liegen auf dem kalten Betonboden, die Gitterstäbe stehen unbarmherzig zwischen uns. Und doch... und doch spüre ich, dass der Hass, der gestern noch unsere Herzen in Brand gehalten hat, fast verschwunden ist. Die Tränen, die auf den Boden tropfen, bilden eine gemeinsame Pfütze, in denen sich unsere verquollenen Gesichter seltsam verzerrt spiegeln.
     Eine ziemliche Weile sitzen wir in stummer Eintracht da, so wie die Geschwister, die wir früher gewesen waren. Schließlich durchbreche ich die Stille und frage leise nach ihrem Befinden. Langsam und stockend erzählt sie mir mit ehrlicher Stimme – zum ersten Mal seit langem! –, wie es ihr geht. Sie lässt nichts aus, beschreibt jeden Kummer mit verbitterter Aufrichtigkeit und bringt damit mein Herz zum Bluten. Auch ich heule mich aus und gestehe ihr zuletzt, wie sehr ich sie vermisse. Daraufhin kann sie nur mit Tränen in den Augen nicken.

„Weißt du noch, wie es früher war?“
„Oh ja, das weiß ich noch.“
„Wir waren damals so glücklich, wir beide und...“
Eine schnelle Unterbrechung, als ob der Satz nicht fertig ausgesprochen werden dürfte. „Ja, das waren wir. Wir machten uns nur um lächerliche Dinge Sorgen, um Prüfungen und andere dumme Sachen!“
Ein Kichern. „Wie wahr. Doch heute wissen wir es besser, nicht?“
Ein kurzes Schweigen. „Ja. Leider.“
„Wären wir doch nur so naiv wie damals!“
„Wir waren nicht naiv. Das wäre ja schon eine Entschuldigung. Wir wussten es einfach nicht besser.“
„Jetzt aber schon.“
Stille.
„Den ganzen Quatsch, das ganze Karussell-Fahren, das haben wir uns eingebrockt, nicht wahr?“
„Wie meinst du das?“
„Naja, wir können wirklich niemand anders die Schuld daran geben, dass wir jetzt in dieser Situation sind.“ Ein Finger deutet auf die Gitterstäbe.
„Das stimmt. Nicht einmal dem Schicksal. Wir allein sind dafür verantwortlich.“
„Das ist ein verdammt ekliges Gefühl.“

     Ich schaue auf und sehe ihr in die grünen Augen. Sie sind rot und verquollen, aber ich sehe nicht besser aus als sie. Ich schlucke hart, dann nehme ich meinen Mut zusammen (auch das ist etwas, was in letzter Zeit stets einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt) und taste nach ihrer Hand. Erleichtert stelle ich fest, dass sie meinen Druck erwidert. Ein Gefühl durchströmt mich, dass ich so lange nicht gefühlt habe: ich weiß, dass sie mich versteht, bis in die Tiefen meiner Selbst, und dass es ihr gleich ergeht wie mir. Das alte Band zwischen uns, das so vieles ausgehalten hat, aber eine einzige Entscheidung nicht, beginnt sich neu zu schnüren.

„Du weißt, wie es mir geht.“
„Und du, wie ich mich fühle.“
Ein langsames Nicken.
„Meinst du, wir können dann doch noch alles gerade biegen?“
„Was meinst du damit? Wir können nicht zurück! Alles haben wir zerstört, als wir uns getrennt haben, uns selbst und unser Leben gleich noch dazu! Allen haben wir die Herzen zerschnitten, allen haben wir wehgetan, alle hassen uns, obwohl sie es vielleicht noch nicht wissen! Wir stehen alleine da, ich hier und du dort drüben, was sollen wir schon verändern können?“

     Die Worte hallen von den Betonwänden wider, als sich ihre Nägel in meine Hand krallen, bis ich blute.

 

DRITTER AKT      (15.12.)

 

Diesmal hat sie mich gerufen. Ihre Stimme hallte durch meinen Kopf und ich musste mich zwingen, meine Schritte zu ihr zu lenken. Zu tief haben wir uns gestern an nackten Seelen verletzt. Aber jetzt stehe ich da und sehe sie an, wie sie auf dem Boden hinter den Gitterstäben sitzt, die Kapuze ihres Pullovers über den Kopf gezogen. Irgendetwas an ihr ist anders heute, aber ich verstehe nicht was. Mit einem Blick aus ihren traurigen Augen bittet sie mich, neben ihr Platz zu nehmen. Ich bleibe stumm, habe nicht vor, ihr nur ein Stückchen meiner Seele preiszugeben. Zu oft schon hat sie das gegen mich verwendet. Ich sehe ihr an, dass ihr der Mut fehlt, das zu sagen, wofür sie mich gerufen hat. Aber ich habe nicht ewig Zeit, nicht heute, also durchbreche ich schließlich die Stille.

„Los, sag mir, was dir auf der Seele brennt!“
Sie sieht mich traurig an und schweigt.

     Ein paar Minuten lang übe ich mich wieder in Geduld, aber der Boden ist kalt und der Ort des Gefängnisses düster und unheimlich. Ich will hier weg und möchte sie hinter mir lassen, da ich ihren Anblick in letzter Zeit kaum noch ertragen kann. Ich seufze leise und blicke sie auffordernd an. Mit einem resignierten Nicken atmet sie tief ein und sammelt die letzten Krümel Mut in sich zusammen.
     Doch anstatt ein Wort zu sagen, zieht sie sich umständlich an der Mauer hoch, bis sie unsicher auf ihren tauben Beinen zu stehen kommt. Ich kann ihr die Anstrengung ansehen; spürte ich doch heute neue Kraft in mich hinein fließen. Doch sie bleibt stehen und schafft es sogar, mir ein Lächeln mit ihren rissigen Lippen zu schenken. Ihre Hand zittert, als sie beginnt, in den Tiefen ihrer Hosentasche nach etwas zu kramen. Ich bleibe geduldig vor den Gitterstäben stehen und frage mich, was sie wohl darin haben könnte. Sie war seit geraumer Zeit eingesperrt und weiß nur noch durch mich, was draußen, in der anderen Welt, vor sich geht.
     Ein kleiner Funken glüht in ihren stumpfen, grünen Augen auf, als ihre Finger das Gesuchte umklammern. Sie wirft mir ein irres Grinsen zu, als sie die Hand aus der Tasche zieht und mit bedächtigen Schritten auf die Gefängnistür zugeht. Ich verstehe immer noch nicht, was los ist, und stehe verwirrt vor ihrer Zelle, doch sie lächelt triumphierend, als sie mit dem glänzenden Gegenstand ausholt...

     … und die Zellentür aufschließt. Mit einem erbärmlichen Kreischen, das bis in die Zähne schmerzt, lässt sich die Tür widerwillig zur Seite schieben. Nach so vielen Stunden, nach so vielen Tagen, steht sie vor mir und nichts trennt uns mehr voneinander. Ihre grünen Augen blicken in meine braunen und das zarte Band, welches gestern fast wieder gerissen wäre, glüht zwischen uns auf. Endlich.

     „Schwester. Endlich“, flüstert sie und fällt in meine offenen Arme. Als ihr rechter Fuß meine Welt betritt, fährt ein Grummeln durch das Gebäude und Staub rieselt von der Decke. Meine Hände fahren über ihren knochigen Rücken und ich spüre ihre heißen Tränen in meinem Nacken.
     „Endlich bist du wieder da“, wispere ich zurück und genieße den Augenblick.
     „Ich konnte nicht mehr ohne dich leben. Wir können nicht mehr zurück, das verstehe ich jetzt. So viele Fehler wir auch gemacht habe, und bei Gott, das haben wir!, müssen wir sie akzeptieren und damit leben lernen. Miteinander.“

     Ich fühle genau so wie sie, dass wir diese Situation nicht länger ertragen hätten, ohne dabei unsere Seele Stück für Stück zu verlieren, aber ich frage mich auch, ganz leise, wie lange dieser Frieden halten wird.




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